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Alta Via Monti Liguri

AVML 14. bis 19. Etappe, 
5 Tage / 95 km / auf 4.320 ab 3.800 Hm
 / 13.–17.07.2013

Der Alta Via Monti Liguri verläuft von Ventimiglia über die Seealpen, den ganzen Bogen durch das Appenin bis Ceparana bei La Spezia. Neben atemberaubenden Pano­ramablicken in die weite Berglandschaft und auf die ligurische Küste bietet er eine reiche Flora und Fauna.

Soweit die vielversprechende Einleitung. Doch schon der nächste Satz ist aus der Luft gegriffen: „Ausreichende Übernachtungsangebote ermöglichen außerdem das Gehen mit leichterem Gepäck.“  Weit gefehlt! Mehrere Hütten, die ich zum Übernachten aufsuchen wollte waren geschlossen, nur mittels umständlicher Schlüsselabholung möglich oder auch außerhalb der Saison ausgebucht durch Schulungsveranstaltungen einer Firma. Ein Recht auf Unterkunft in einer Vereinshütte wie beim DAV gibt es in Ligurien nicht. Und so musste ich, 3 von 5 Übernachtungen im Zelt verbringen und wegen Regen und Unwetter meinen Schlussabstieg vom Passo Bocco nach Chiavari ans Meer mit dem Bus machen und meine Tour einen Tag vor Ende abbrechen.

Mein 5-tägiger Abschnitt des AVML (Etappe 14 bis 19) zwischen Busalla und Chiavari führte mich über Wiesen und durch wilde Buchenwälder, urige Bergdörfer, oberhalb von Seen über Pässe und Gipfel. Ich durchquerte den landschaftlich schönen Aveto-Nationalpark in dem auch wilde Pferde und Wölfe zu Hause sind. Mit den Pferden habe ich mich arrangieren können, indem ich im Gatter mein Zelt aufschlug während die Pferde draußen in Freien blieben, die Wölfe haben sich nicht gezeigt. 

Leider ist der AVML nicht viel begangen und wird nicht ausreichend gepflegt, so dass der Weg durch die wuchernde mediterrane Pflanzenwelt stark zugewachsen und somit auch an Steilpassagen schwierig zu begehen ist. Der AVML führt durch eine wilde Mittelgebirgslandschaft, die früher bis hinauf bewirtschaftet war. So geht man auf alten Saumwegen durch wilde Wälder, die auf terrassierten Hängen wachsen. Vermutlich sind es alte Gärten und Plantagen. Unterwegs war ich ganz alleine und so fühlte ich mich als einzelner Wanderer schon etwas verloren inmitten der weiten Abgeschiedenheit. Hier sollte man sich öfters in Hotels abseits vom Hauptweg einbuchen, damit man neben Proviant und Bett auch regelmäßig Gesellschaft findet. 

 

Von Busalla nach Chiavari – 5 Tage auf dem ligurischen Höhenweg


 

1. Tag: Ankunft nachmittags in Busalla, Provinz Genua / 2,0 h / 6 km / auf 348  ab 139 Hm


Als ich ankomme schließen gerade die Läden und ich bekomme gerade noch eine Pizza auf die Hand. Nach dem Abendessen am Fluss, mit Blick auf die „pittoreske“ Raffinerie von Bussalla, packe ich meine Sachen im Auto zusammen und verlasse das Städtchen auf einem kleinen Wanderpfad Richtung AVML, den ich bald erreiche. Auf einer Straße gelange ich in das Örtchen Santuario della Vittoria und später auf eine ebene Bergwiese. Hier übernachte ich bei Anbruch der Dunkelheit, gemeinsam mit einer Gruppe einheimischer Papas mit ihren Kindern und Lagerfeuer, in meinem kleinen Biwakzelt. Italienische Gastfreundschaft pur mit Spitzenkaffee, Schnitzel, Würsten und guten Gesprächen! 

 

2. Tag: Über Colle di Creto nach Scoffera / 13 h / 35 km / auf 1.307 ab 1.227 Hm


Heute stehen anderthalb Etappen auf dem Programm. Zunächst die restliche Etappe bis Colle di Creto, wo ich Wasser kaufen muss. Ein sehr ruhiges Örtchen mit einem Campingplatz und zugehörigem Kiosk, das wars. Immerhin kann ich mich hier stärken und Wasser mitnehmen, denn es ist bereits sehr heiß Mitte Juli. Auf dem Weg nach Scoffera versperrt mir ein regionales Gewitter den Weg über den letzten ausgesetzten Bergrücken. Ich war schon fast durch, da brutzelte es in der Wolke nahe über mir und zwang mir einen langen Umweg über die Straße auf. Spät abends komme ich müde in Scoffera an und telefoniere wegen der Unterkunft. Eine halbe Stunde später werde ich in einem Raum direkt unter der Basilika untergebracht. Es gibt eine Dusche, Stockbetten und eine Miniküche. Ich bin der einzige Gast.

 

3. Tag: Von Scoffera nach Barbagelata / 5,5 h / 14 km / auf 737 ab 387 Hm


Nach einem Frühstück auf einer Bank in der Sonne bei der Kirche gehts weiter. Der Weg führt wieder auf die Bergrücken und bietet eine schöne Aussicht. Allerdings kann ich nicht stehenbleiben oder eine Pause machen, weil mich dann sofort eine Schar von fiesen Pferdewespen angreift. Also weiter! Nach einem langen Marsch durch den kühlen Wald ohne Wespen komme ich nach Barbagelata (gefrorener Bart), dem höchstgelegenen Dorf Liguriens. Hier übernachte ich im einzigen funktionierenden Rifugio auf meinen Etappen. Es wird durch eine polnischstämmige Bäuerin aus dem Nachbarort versorgt, die auf Wunsch sehr gut und regional kocht!

 

4. Tag: Von Barbagelata über Ventarola bis Rifugio Monte degli Abeti / 10 h / 25 km / auf 1.388 ab 1.202 Hm


Zunächst steige ich durch den Wald ab zu einer Passstraße. Von hier aus geht es immer im Wald hinauf zu einer Schlüsselstelle. auf rutschigem Boden und Blättern hangelt man sich an den Büschen und Bäumen den schmalen Pfad hinauf und hinab, immer wieder nahe der Bergkante. Doch die eigentliche Gefahrenstelle entpuppt sich als harmloser Schotterhang neben der Kante, der gut zu begehen und breit genug ist. An einem Abzweig gehe ich nicht weiter auf dem langweilig zugewuscherten Bergrücken und biege nach Ventarola ins Tal ab. So erspare ich mir die Umrundung des Tales.
In Ventarola gibt es ebenfalls ein erstklassiges unbewirtshaftetes Rifugio, dass allerdings an diesem Tag geschlossen ist. Vermutlich kann man sich den Schlüssel irgendwo holen. Ich mache eine Pause in diesem schönen Örtchen aus alten Steinhäusern. Dann gehe ich auf der alten Pflasterstraße weiter aus dem Tal. 
Oberhalb des Passo della Forcella steige ich einen ausgesetzten Abschnitt des AVML hinauf. Allerdings ist dieser Übergang so zugewachsen, dass ich Angst bekomme abzustürzen und so drehe ich kurzerhand um zur Passstraße des Passo della Forcella. Beim Abstieg rutsche ich prompt ab und lasse mich auf das rechte Knie fallen um nicht runterzufallen. Dabei schlage ich mir das Knie auf. Meine Entscheidung nicht weiter zu gehen war also richtig!
Mit verarztetem Knie gehe ich die Fahrstraße ein paar Kilometer abwärts bis zu einem Wanderweg, der mich zurück auf den AVML, zu einer Kapelle hinauf führt. Allerdings liegen auf diesem Weg die Bäume kreuz und quer. Etwas später, vor dem Rifugio Monte degli Abtei treffe ich tatsächlich auf wilde Pferde.
Das Rifugio Monte degli Abeti ist natürlich verschlossen und so mache ich ein Feuerchen und esse im Freien zu Abend. Mein Zelt stelle ich innerhalb eines Gatters, so dass die Pferde und auch Kühe draußen bleiben müssen. Dennoch eine unruhige Nacht mit vielen ungewohnten Geräuschen.

 

5. Tag: Vom Rifugio Monte degli Abeti über Monte Aiona zum Passo del Bocco / 6 h / 17 km / auf 650 ab 996 Hm


Müde gehe ich frühmorgens los. Von Pferden und Kühen keine Spur. Ich gehe weiter durch den Wald und gelange schließlich auf eine weite offene Höhe, die auf die Erhebung des Monte Aiona führt. Eine steinige Landschaft mit blühenden Blumen und Gras. Beim Abstieg treffe ich auf einen Einheimischen und wechsle ein paar Worte. Das hat Seltenheitswert!
Mein Blick schweift Richtung Monte Nero nach Westen, der sich bereits in eine bedrohliche Gewitterwolke hüllt. Zum Glück biegt mein Weg vorher Richtung Süden ab. Weiter im Abstieg treffe ich eine Fotografin, die auf eine Gruppe von ganz speziellen AVML-Wanderern wartet, die bereits zum Gesprächsthema in den ligurischen Zeitungen geworden sind. Wie früher mit Pferden haben sie sich auf den 440 km langen Höhenweg gemacht. Natürlich benutzen sie nicht die Gipfelwege, sondern laufen stets parallel auf breiteren Wegen. Und so begegne ich ihnen im Wald und bin begeistert, als sie mir mit ihren Pferden entgegenkommen. Auch das ist Italien wie man es sonst nicht kennt.
Auf einem schönen Abschnitt über einen felsigen Grat habe ich eine herrliche Fernsicht und mir wrd klar, dass ich einen Zahn zulegen muss, wenn ich nicht nass werden will. Das allnachmittägliche Gewitter zieht bedrohlich auf. Und so gebe ich Gas und quäle mich die letzten steilen Gegenanstiege hinauf, bis ich auf die Straße zum Passo del Bocco gelange. Ab jetzt noch 1 h auf dem aufgeheizten Asphalt. Und dann: Das Rifugio ist voll. Draußen schüttet und blitzt es. Mein Weiterweg ist versperrt. Übernachten kann ich auch nirgends. So beschließe ich meine Tour hier zu beenden und steige in den Bus hinab nach Chiavari ans Meer. Dort angekommen scheint die Sonne und ich gehe an den Strand schwimmen. Wieder erfrischt fahre ich dann mit dem Zug zurück nach Busalla zu meinem Ausgangspunkt. Dort steige ich ins Auto, fahre in den Nachbarort Casella und buche mich zum Ausklang und zur Belohnung  für eine Nacht in einer gemütlichen Pension ein :)

 

Buchtipp: 
Outdoor Handbuch Band 161


Der Weg ist das Ziel
, Sebastian Thomas
, Ligurischer Höhenweg, Alta Via Monti Liguri
, Conrad Stein Verlag