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Schwarzwaldrandweg für meinen Vater

Von Villingen nach Weitingen / 
3 Tage / 85 km / auf ab je 1.119 Hm
 / 29.–31.08.2013

Den Weg für einen Anderen gehen – ein Reisebericht


Immer wieder habe ich beim Überschreiten eines Bergsattels an die Menschen gedacht, die noch zu Fuß über die Berge sind, um mit Waren zu Handeln oder zu Fuß auf der Reise waren über geografische Grenzen. Sie hatten mehr dabei als Proviant und Regenjacke, sondern trugen Waren, Mitbringsel, Nachrichten, Träume von einer besseren Zukunft usw. mit sich. Und sie ließen mit dem Bergsattel auch eine alte Welt hinter sich und gingen in eine neue über.

So kam mir die Idee für einen anderen Menschen zu gehen und mit jedem Schritt etwas zu verändern. Der Weg kann Orte und Menschen verbinden, die Dokumentation kann eine Geschichte von Begegnungen und Ereignissen erzählen. Das auf den Weg machen kann Neues in Bewegung bringen.

Als mein Vater 70 Jahre alt wurde, beschloss ich genau das zu tun: für ihn einen Weg zu gehen. Die Bedeutung dieses Weges legte diesmal ich hinein. Ich wollte etwas tun, dass ihm meine Liebe zeigt. Ich wollte ihm die Kraft geben, trotz seiner Krankheitsgeschichte, noch lange mit Freude sein Leben zu leben.


Und so plante ich eine 3-tägige Wanderung vom Neckarursprung bei Villingen auf dem Schwarzwald-Ostweg Richtung Schramberg, dann ab Heiligenbronn die Römerstraße bis hinab ins schöne Glatttal zu gehen – immer parallel zum Neckartal. Von hier aus weiter das Neckartal entlang, über Horb am Neckar, bis nach Weitingen zu meinem Elternhaus. Den ganzen Weg stellvertretend für ihn unterwegs sein. Für ihn, der selbst, aus gesundheitlichen Gründen, garnicht mehr weit gehen kann.



 

1. Tag: Do 29.08., Villingen – Heiligenbronn, 35 km


Ich bin auf dem Weg. Von Anfang an mache ich Fotos, die ich meinem Vater, als Erinnerung schenken möchte. Und recht schnell fällt mir auf, dass ich alles mit anderen Augen sehe, als sonst. Ich treffe einen Pilzsammler, der am Vortag über 5 Kilo Steinpilze gefunden hat, grüße ein älteres Ehepaar, das mitten auf einer Waldlichtung sitzt und liest. Der Mann hat ein mobiles Sauerstoffgerät auf der Holzbank neben sich stehen. Alles Begegnungen, die wie durch meinen Vater inspiriert waren, der gerne Pilze sammelt und trotz Krankheit mit meiner Mutter gerne in die Natur fährt. Ich sah ihn und war mit ihm verbunden. Zudem lasse ich beim Gehen einen Satz entstehen, eine Glückwunschzeile zum Geburtstag, ein persönliches Gebet und sagte es beim Gehen vor mich hin.

 

2. Tag: Fr 30.08., Heiligenbronn – Glatt, 25 km 


Beim Frühstücksbuffet erzählt mir der Wirt von seinem Herzinfarkt und den Folgen für ihn. Das Thema Krankheit und das Älterwerden begleitet mich mich jedem Schritt. Und irgendwo auf der Römerstraße begegnet mir dann ein Mann, der mich anspricht und auf seine Terrasse einlädt, etwas mit ihm zu trinken. Er hat eine ähnliche Leidensgeschichte wie mein Vater und obendrauf vor zwei Tagen seinen 69. Geburtstag. Jetzt bin ich mir sicher, dass diese Wanderung nicht nur inspiriert, sondern geradezu geführt ist. 



 

3. Tag: Sa 31.08., Glatt – Weitingen, 25 km 


Auf der letzten Etappe vermischen sich zusehends meine eigene Lebensgeschichte aus Schul- und Lehrzeit mit der meines Vaters. Als gehe ich rückwärts in der Zeit. In Horb treffe ich dann alte Freunde, die den Bioladen betreiben. Alle freuen sich riesig! Zusätzlich bepackt, mit einem kleinen Korb voller Leckereien im Rucksack, laufe ich barfuß am Neckar entlang bis zur mächtigen Autobahnbrücke. Hier steige ich im Wald die westliche Talseite hinauf nach Weitingen. Der eigentliche Weg ist zu Ende. Doch abends sitze ich dann, gemeinsam mit meinen Eltern, vor dem großen Fernseher und wir schauen meine Fotos an. Und ich erzähle über den Weg, von der Natur, den Begegnungen und richte ihm Grüße aus von Menschen, die ich traf und die ihm alles Gute wünschen.