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Via Spluga bis Lago di Como

Via Spluga bis Lago di Como
 / 6 Tage / 135 km / auf 6.022 ab 6.485 Hm
 / 02. – 08.07.2016

Eine Überquerung des Alpenhauptkamms auf alten Kultur- und Handelswegen – von Thusis an den Lago di Como.

Geplant hatte ich ursprünglich von Thusis bis Como zu gehen. zuerst über die Via Spluga nach Chiavenna und dann nach einer Transferetappe im Valchiavenna auf der Via Monti Lariani (medio) weiter nach Como.

In Dongo am Lago die Como beende ich jedoch die Tour vorzeitig. Begründen möchte ich das mit der zu erwartenden selben Wegführung der Via Monti Lariani, die ich als eher unattraktiv empfand sowie anstrengend und ermüdend, weil der Weg wenig begangen und nicht richtig gepflegt wird. Somit stößt man hier und da auf Hindernisse und zugewachsene Wegabschnitte. Außerdem wurde ich von Insekten bei 35 Grad im Schatten geradezu aufgefressen. Letztlich hat mich auch ein inneres Gefühl dazu gebracht keine Kraft mehr in die Bewältigung der restlichen Strecke zu investieren. 

 

1. Tag: Thusis – Andeer / 5,0 h / 18 km / auf 1.240  ab 880 Hm


Am Bahnhof Thusis beginnt das Abenteuer. Die „Via Spluga“ ist durchgehend gut ausgeschildert. Am Ortsrand von Thusis geht es gleich mal auf einer Hängebrücke über den Hinterrhein. Und das ist eines der Themen auf diesem Weg: „Brücken“.

In Sils i. D. beginnt der Bergpfad an einem Brunnen. Ich fühle mich gut und steige hinauf an der Talflanke, dann führt der Weg oberhalb der Rheinschlucht entlang. Immer wieder taucht die Fahrstraße in Form von grotesken Galerien am senkrechten Fels auf, um dann wieder im Berg zu verschwinden. Weit unten fließt ein türkisgrüner Bergfluss der Hinterrhein.

Die tiefe Viamala-Schlucht kann nur kostenpflichtig betreten werden und verfügt über ein Informationszentrum vor der Touristenbusse parken – ich gehe rasch weiter! Der Wanderweg führt über eine alte Römerbrücke ein kurzes Stück auf der Fahrstraße entlang, dann biegt er ab in eine sehr schönen Teil der Schlucht. Das ist mir lieber und ich bin alleine an diesem schönen Ort. Wiedermal überquere ich den Fluss auf einer Hängebrücke.

Nun steigt der Weg an der Flanke weiter die Schlucht hinauf und gelangt schließlich in ein schönes breites Hochtal mit toller Aussicht auf die umliegenden Berge. Hier mache ich eine Pause bei Kaffee und Keksen. Danach geht es weiter durch Wiesen und schöne Dörfchen bis Andeer. Auf dem Camping schlage ich mein Bivakzelt auf, dann setze ich mich noch an den Fluss. Später regnet es. Im Kiosk des Campings schaue ich mit anderen das EM-Spiel „Deutschland – Italien“ und lege mich nach diesem Krimi dann aufgewühlt ins Zelt.

 

2. Tag: Andeer – Isola / 11,5 h / 31,5 km / auf 1.230 ab 1.070 Hm


Es ist trocken, bewölkt und die Lufttemperatur ist sehr angenehm nach der regnerischen Nacht. Nach einem schnellem warmen Müsli aus meinem Becher gehe ich los. Den Hinterrhein hinauf, kleine Granitbergwerke, dann durch den Wald bis zum Elektrizitätswerk. Dann wieder hinab in die Rofflachschlucht, es ist Sonntag und die Motorräder röhren durch den Parcours. Eine zeitlang begleitet der Wanderweg die Serpentinen der Straße wieder bergauf. Schließlich steige ich außen auf einer unangenehmen Metallgitter-Wendeltreppe hinauf auf das Dach der Fahrbahn-Galerie. Jetzt bin ich Teil dieses grotesken, architektonischen Arrangements. An einem steilen felsigen Hang oberhalb der Straßen ziehe ich meinen Weg. Immer wieder gelange ich auf die kleine Fahrstraße, dann wird das Tal breiter und führt in ein weiteres Hochtal bei Süfers. Schnell verliert sich die Straße im weiten Tal mit einem großen Stausee. Im Wald oberhalb gelange ich schließlich nach Splügen, den eigentlichen Zielort dieser Etappe.

Das Wetter ist einfach zu schön und ich bin bereits um 15 Uhr in Splügen. und das trotz ausführlicher Pausen bei denen ich auch mein Zelt getrocknet habe. Ich beschließe noch mindestens auf den Splügenpass zu steigen. Der Aufstieg liegt abseits der Straße und ich steige zuerst an einem wilden Bach, dann in Almwiesen hinauf. Ich überquere die Passstraße und tauche ein in ein Meer von Wildrosenbüschen am felsigen Hang. Der alte Splügenweg ist hier noch gut erhalten und nach zwei Stunden Aufstieg stehe auf dem Pass mit Blick in das weite Hochtal, dass von Gipfeln um die 3.000 m Höhe umringt ist.

In 30 Minuten steige ich ab nach Montespluga, einem kleinen Bergdorf. Dort kläre ich telefonisch meine Unterkunft in Isola ab und esse noch etwas Leckeres vor dem Abstieg – zum Glück! Endlich darf ich mal den Weg oberhalb des Splügensees entlang gehen, denke ich. Doch dann, eine Absperrung! Ich beschließe diese zu ignorieren und mir den Weg selbst anzuschauen. Vor jeder Kurve erwarte ich das Wegende durch Erdrutsch oder so. Kurz vor Ende des Weges an der Staumauer sehe ich Wasser donnernd in den See rauschen und ich denke, es ist das viele Wasser, dass mir den Weg versperren wird. Doch es kommt anders: An einer Steilstelle sind die Drahtseile kaputt, doch die Passage ist nicht gefährlich. Um die letzte Kurve herum sehe ich, dass der donnernde Bach unterhalb des Weges aus einer großen Röhre kommt und mich nicht behindern wird – das wäre geschafft. Auf der Staumauer bewundere ich die tiefe Schlucht unterhalb im Abendlicht. Hier weiß ich noch nicht, dass der Sentiero di Cardinello genau hier an der steilen Felswand hinab führt.

Ich bin nicht ganz schwindelfrei gehe vorsichtig mit meinem schweren Rucksack. An einer Stelle ist ein Stück des Weges ist weggebrochen und der Durchgang für ein paar Schritte nur ca. 40 cm breit. Es gibt ein dünnes Drahtseil an der Felswand, doch daran werde ich mich samt Rucksack kaum halten können wenn ich abrutsche. Konzentriert gehe ich schrittweise mit dem Rücken zum Abgrund durch die schmale Stelle. Wenig später sind noch Reste von Treppen in den Fels gemeißelt und jetzt erinnere ich mich an die Stelle in der Beschreibung. Auf diesem Wegstück ereigneten sich auf dem früheren Handelsweg die schlimmsten Unfälle. Dann bin ich ganz durch und steige weiter über Almen hinab nach Isola.

Im Gasthaus Cardinello in Isola trinke ich Verduzzo und der Wirt erzählt mir von dem 73-jährigen schweizer Bergführer Paul Züllig, der jährlich die Via Spluga von Thusis bis Chiavenna geht und zwar am Stück in 20 Stunden mit Stirnlampe. „Um 11 Uhr morgens isst er bei mir dann immer ein Käsebrot und trinkt eine Cola“, sagt der Wirt. Erfüllt von den Ereignissen des Tages lege ich mich erstmal ins weiche Bett, diesmal ein B&B.

 

3. Tag: Isola – Chiavenna – San Cassiano / 10 h / 33 km / auf 570 ab 1.535 Hm


Lecker, ein Frühstück mit Milchkaffee in der B&B Küche. Der Abstieg durchs oberhalb noch kühle Tal zieht sich durch steile Felswände und schroffe, haushohe Felsbrocken immer am Fluss entlang. links und rechts liegen, Dörfchen und Kirchtürme verstreut. Weiter unten treffe ich auf eine Schweizerin, die den Weg sucht. Wir gehen gemeinsam weiter hinab bis nach Chiavenna. Diesmal stimmt die Angabe mit 6 Stunden. Allerdings geht der Weg neuerdings nochmals über die Straße um nach einem nochmaligen Aufstieg bei großer Hitze von oben wieder steil hinab in die Altstadt abzusteigen. In Chiavenna erfrische ich mich mit Essen und Trinken in einer Bar.

Danach mache ich mich alleine weiter auf den Weg, um ab Gordona ins Val Bodengo aufzusteigen. Dort möchte ich morgen über die Bocchetta di Correggia hinab nach Dangri steigen. Bei meinem Weg durch das Valchiavenna (200 M. ü. M.) bei 35° C und hoher Luftfeuchte bin ich klatschnass vom Schweiß. In Gordona suche ich den Einstieg in den Maultierpfad ins Val Bodengo und steige langsam durch ein Wäldchen sehr steil hinauf bis zur Straße. Hier finde ich den Einstieg mit einem heiligen Bildstock. Der Maultierweg ist sehr gut in Schuss und geht nun im Zickzack an der steilen Bergflanke hinauf himmelwärts. Bald schon sehe ich weit hinab ins Tal. In mir zeigt sich ein ungutes Gefühl: wird das Wetter halten, werde ich über die Bocchetta di Correggia kommen oder ist es zu gefährlich usw. Ich sage mir „gehe einfach weiter, gleich bist du oben auf der Straße“ und gehe weiter hinauf im Zickzack der Mulatteria. Schließlich wird diese noch schmaler und in mir kommt es zur klaren Entscheidung wieder abzusteigen und unten zu übernachten in einem nahen Guesthouse. Bedröppelt steige ich ab, im Guesthouse gibt es keinen Platz, ich laufe weitere 8 km durch Tal zu einem Agritourismo in San Cassiano. Ich bin erschöpft und doch froh, dass alles gut geendet hat, bei Pizza und Bier.

 

4. Tag: San Cassiano – Fordeccia / 7 h / 19 km / auf 1.528 ab 645 Hm


Trotz der Anstrengungen der letzten Tage habe ich ganz gut geschlafen.Beim Frühstück esse ich Müsli und Obst am Buffet. Das habe ich nötig nach der Hitze. Auch dieser Tag beginnt bewölkt, wird aber wieder sehr heiß werden. Heute gehe ich meine geplante Variante der transferetappe zur Via Monti Lariani. Zunächst auf der Straße direkt nach San Pietro, dort suche ich den Einstieg in die Via Francisca, die mich auf alten Wegen oberhalb des Sees entlang führen wird. Es ist ein guter Weg und er führt meist durch den kühlen Wald. Dann geht der Fluss linkerhand in den  See über und ich gehe nur knapp oberhalb auf dem schmalen Pfad im Gestrüpp. Und mit dem See beginnt die Jagd der Schnaken und Bremsen. Es ist sehr schwül und ich gehe an einem Abzweig bewusst den Weg über eine Alpe, um von der Seenähe weg zu kommen. Doch damit wird es ebenfalls schweißtreibend und die Insekten werden nicht weniger. Über weitere Almwege im Wald steige ich steil auf und gelange schließlich nach Albonico. Von hier aus sollte es laut Karte eine Abkürzung geben, denke ich und frage nach. In der Bar am Ort werde ich letztlich gut beraten und kann mich erfrischen. Schließlich werde ich sogar noch zum Einstieg des Weges begleitet. Ab hier geht es sehr steil einen kaum benutzten zugewachsenen Pfad hinauf und wieder werde ich komplett verstochen. Meine Kartenhülle entpuppt sich als beste Klatsche und ich steige im Eiltempo auf. Auf dem Weg begegnen  mir auch flüchtende schwarze Schlangen, die aber harmlos sein sollen.

Nach langem Aufstieg bin ich endlich auf der Via Monti Lariani (Wegzeichen) und der Weg biegt nach rechts ab. Kurz drauf treffe ich zwei Bauern, die in der kühleren Abenddämmerung Heu machen. Sie lachen über meine Ortsunkenntnis und schildern mir, dass ich beim Aufstieg nach Fordeccia gleich fast wieder an einem Ort vorbeikomme, wo ich schon war. Sei’s drum! Ich bin froh auf der Via Monti Lariani angelangt zu sein. Eine halbe Stunde später höre ich Kinder schreien – endlich Menschen! In der Baita dal Vikingo  (1.070 m) werde ich herzlich empfangen, bestelle ein Bier und setze mich an den Tisch zu anderen und schon sind wir alle im Gespräch. Dann donnert es, alle stehen auf und ich frage den Wirt nach einem Zimmer – gebucht. Es wird ein wunderschöner Abend mit persönlichen Gesprächen bei leckerem Essen – danke Marco!

 

5. Tag: Fordeccia – Dangri / 6 h / 15 km / auf 667 ab 1.116 Hm


Ich bin ausgeschlafen und stehe vor meinem Wecker auf. Mein erster Tag auf der Via Monti Lariani beginnt mit strahlend blauem Himmel. Marco ist schon länger wach und wäscht die Sonnensegel. Nach dem Frühstück zeigt er mir noch den Einstieg für den richtigen Weg und ich gehe los. Es sind Wiesenwege von Steinhaus zu Steinhaus. Die meisten verfallen. Seit dem Splügenpass habe ich davon viele gesehen. Einige werden als Ferien- oder Wochenendhaus hergerichtet. Doch abseits ohne Straße ist das heute nicht mehr lohnend und die Dörfer verfallen. Und so gehe ich von Ort zu Ort über Wiesen, durch Wälder, in Bacheinschnitte, mühsam teils steil hinauf und hinab. Dann steige ich langsam Richtung Livo auf 500 Meter ab. Auch hier werde ich regelmäßig von den Insekten angefallen. Einmal lege ich eine richtige Tarantella hin und schlage alle Bremsen tot. Anschließend genieße ich die Ruhe bei einer Vesperpause. Oberhalb zeigen sich immer wieder die felsigen Berge. Die wären mir jetzt eigentlich lieber, aber nicht mit dem schweren Rucksack.

Letztlich erreiche ich Dangri. Zunächst ein einfaches Ausflugslokal „Crotta Dangri“, das Essen anbietet und ich schlage gleich zu: Gulasch, Polenta, Salat. Dann gehe ich den Weg weiter und halte nach der Selbstversorger-Siedlung Ausschau, wo ich zelten möchte. Die Betreiberin Lisa Ott lebt und arbeitet seit 1979 hier und baut die meisten Nahrungsmittel selbst an. Neben dem Zeltplatz stehen auch drei liebevoll renovierte Steinhäuser als Feriendomizil zur Verfügung. Ich schlafe sehr gut auf dem Platz oberhalb des rauschenden Flusses.

 

6. Tag: Dangri – Dongo (Lago di Como) / 6 h / 18 km / auf 787 ab 1.239 Hm


Nach einem gemeinsamen Frühstück mit Müsli und frischen Beeren aus dem Garten mache ich mich auf den Weg. Es geht eine Fahrstraße hinab und die Insekten sind gnädig. Am See angekommen gehe ich am Uferweg entlang. Am Strand sind nur wenige Einheimische. An einer Strandbar trinke ich meinen Milchkaffee und dann mache ich mich auf zum nächsten Quereinstieg, zur oberhalb verlaufenden Via Monti Lariani. Doch bei diesem steilen Aufstieg hier ereignet sich dasselbe wie schon beim Aufstieg zum Val Bodengo. Auf einer Steilwiese weit oberhalb des Sees ist der Weg schmal und zugewachsen. Ein Fehltritt und es kann der letzte sein. Auch hier gehe ich erstmal weiter, hinauf zu einer Alm auf einer Hochfläche. Geschafft, denke ich erst, doch dann stelle ich fest, dass sich der Weg weiter über Steilwiesen und Felsen hochzieht. Wenn es jetzt regnen würde wäre ich mittendrin gefangen. Wieder spricht meine innere Stimme Klartext und ich steige wieder hinab nach Dongo an den See. In eine Bar beschieße ich schließlich meine Heimreise und das fühlt sich wie schon der Abstieg sehr gut an! Ich habe alles richtig gemacht.

Am nächsten Morgen fahre ich ab Lugano mit dem Fernbus nach Lindau. 

 

Meine guten Unterkünfte: 


Bed & Breakfast Cardinello, Isola 

Baita dal Vikingo, Fordeccia